Zum Projekt

Das Berufsrisiko eines Fotografen entspricht der Höhe der Wahrscheinlichkeiten. Die Höhe der Wahrscheinlichkeit, dass die Bilder „etwas geworden sind“, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, dass jemand die Fotos verwenden will oder dass die Rechnungen bezahlt werden.

Seit über einem Jahrzehnt sind wir mit unseren Kameras im Berliner Parlaments- und Regierungsviertel unterwegs und stellen uns diesen Wahrscheinlichkeiten. Während unserer Arbeit für ein vom Bundestag herausgegebenes Magazin konnten wir immer wieder feststellen, dass die Zuschreibungen und Klischees, die über die Politiker im Umlauf sind, kaum den Alltagstest bestehen. Im Auftrag des Magazins haben wir viele Parlamentarier begleitet und porträtiert, mitunter über mehrere Tage.

Diese Reportagen dienten vor allem der bildhaften Illustration der Arbeit von Abgeordneten – in Berlin und in den Wahlkreisen. Wir waren eingeladen, den Abgeordneten bei Gesprächen und Veranstaltungen über die Schulter zu schauen, sie in ihrem konkreten politischen Wirkungsfeld zu erleben. Die Vorgabe der Redaktion, möglichst anschauliche, detailreiche, „bunte“ Bilder zu liefern, animierte uns, mit zwei Kameras zugleich zu arbeiten. Ein Objektiv nahm den Protagonisten ins Visier, ein anderes erkundete den Ort, die Umgebung, erfasste Gegenstände und Details. Diese Art der doppelten Wahrnehmung verlieh unseren Fotoreportagen ihren besonderen Charakter und setzte sie von der gewohnten politischen Bildberichterstattung ab.

Im Laufe der Jahre entwickelten wir die Idee zu einem Folgeprojekt unter dem Arbeitstitel „politik ungeschminkt“. Wir wollten uns nun ganz auf die Person konzentrieren. Nicht der Amtsträger, die Amtsträgerin sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch, der Typ. Es ging uns darum, das Bild hinter dem Bild aufzuspuren, den Charakter der Person freizulegen. Wir entschieden uns, 16 Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen in ihre Heimatorte, an vertraute Plätze zu begleiten, sie bei ihrer politischen Arbeit vor Ort zu porträtieren. Wir reisten acht Monate durch ganz Deutschland, fuhren Tausende von Kilometern – und blieben „unseren“ Parlamentariern tagelang auf den Fersen.

Bei diesem Projekt haben wir ausschließlich mit analoger Technik und mit Schwarz-Weiß-Filmen gearbeitet. Das Porträt ist der Schlüssel zum Typ, deshalb eignet es sich ganz besonders für die Bildsprache, in der wir mit dem Betrachter kommunizieren wollen. Es soll sich eine Beziehung zwischen der oder dem Porträtierten und der beobachtenden Person entwickeln. Um das zu erreichen, sind Geduld und Beharrlichkeit erforderlich, denn ein gutes Bild braucht Zeit. Ein gutes Foto muss aus einer konkreten Situation heraus entstehen. Es darf nicht inszeniert, nicht arrangiert sein, wenn es authentisch wirken soll. Auch deshalb arbeiten wir nach dem Prinzip: Vorhandenes Licht ist gutes Licht. Aber in diesem Grundsatz liegt auch die Herausforderung unseres Projektes. Wir waren zu jeder Zeit vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Situationen und Entwicklungen waren oftmals nicht absehbar. Doch diese unvorhersehbaren Konstellationen hatten auch ihr Gutes: Sie lieferten uns einmalige Lichtbildmomente.